Kaum sitze ich, dreht sie sich zu mir und sagt leise:
„Guten Appetit!“
Verwundert schaue ich in ihre dunkeln Augen. Schliesslich sitze ich beim Schachtelwirt am Grazer Jakominiplatz. Dort sind solche höflichen Floskeln eher Anlass für einen Überfall.

„Danke“ sage ich zurück und sie lächelt schüchtern.
Danke denke ich und überlege, was ich zuerst essen soll. Man lacht mich ja weltweit aus, weil ich die Pommes immer mit einer Gabel esse und sie mir nicht fettig in den gierigen Schlund stopfe, dabei gleichzeitig rede, E-Mails checke und die Chat-Gruppen prüfe. Aber das nur am Rande. Weit komme ich eh nicht. Sie dreht sich wieder zu mir um:

„Darf ich dich was fragen? Habe Kinder…“

Oh ja, jetzt wird mir klar, worum es geht. Prompt zeigt sie mir einen Zettel mit einem süssen Baby und einem Text in rumänischer Sprache. Baby in Rumänien, ein Kind hier, beide krank, Ex-Mann schlägt sie und sie braucht Kohle. Klassisch, wie aus dem Lehrbuch.

Es interessiert mich nicht,…

Sie bekommt keinen Job, hat kein Geld und weiß nicht mehr weiter.

…wie du dein Geld verdienst.

„Aber du sollst jetzt essen…“ und dreht sich wieder zu ihrer Cola. Rücken gebeugt, fast ein Kind noch. 22 wird sie später sagen, ist sie. Ich biete ihr meinen Burger an, habe ja zwei. Sie nimmt ihn dankend an und ich habe noch nie jemanden mit so viel Freude und purer Dankbarkeit essen sehen. Dabei werde ich still und denke über meine eigenen Schubladen nach. Ja, eine Rumänin mit der ewig gleichen Geschichte. Ja, sie bettelt mich an. Und erinnere mich an meine eigene Zeit in Rumänien, als wir dort ein Kinderheim von Strassenkindern unterstützt haben. Ja, ich erinnere mich:

Vor mir sitzt ein Mensch. Sie hat auch eine Seele, einen Körper, ein Leben. Und sie ist in erster Linie das was wir alle sind: Sie ist ein MENSCH. Und in ihrer Brust schlägt ein Herz. Ganz gleich, welche Geschichte sie erzählt.

Es interessiert mich nicht,…

Ich sehe sie an. Sie sieht mich an. Wir essen und schweigen. Dann dreht sie sich zu mir, nimmt meine Hand, hält mich. Und schaut mir direkt in die Augen. Unsere Köpfe nur mit wenigen Zentimetern Abstand. Ein Mensch. Ich versinke in ihren dunklen Augen, den vielleicht traurigsten Augen in die ich je gesehen habe. „Danke“ flüstert sie, Danke.

…ob die Geschichte, die du mir erzählt hast, wahr ist.

Wie ein Paar sitzen wir am Tisch und ich umarme sie. Ihre Tränen laufen, tränken meine Schulter mit all dem Leid welches sie zu tragen hat, tränken meine Schultern mit all den Vorwürfen gegen die blöden Bettlerinnen, die sich verpissen sollen, dahin, wo sie her gekommen sind. Und ich weiß dazu nichts zu sagen, war selbst oft genug in Rumänien und kann verstehen, wenn junge Menschen sich verlogene Hoffnungen machen lassen. Und dann sind sie hier und alles ist noch mehr im Arsch.

„Ich weine gleich mit dir“ und schaue sie an. Ihren Kopf in meinen Händen.
„Du guter Mensch“ und sie kramt in ihrer Jacke und will mir ihren Rosenkranz samt Kruzifix schenken.

Wir essen alles auf und sie will prompt mein Tablett weg bringen. Ich lasse das nicht zu. Wir sitzen wieder zusammen und schweigen. Sie erzählt von den Kindern und von ihrer Epilepsie. Die ist ihr wurscht, „will nur, dass es Kindern gut geht…“. Sie ist selbst noch ein Kind, verzweifelt in einem fremden Land, hilflos ihren Peinigern ausgesetzt. Ihre Hände auf meinem Schoss, ihr Kopf an meiner Schulter.

Es einfach mal gemeinsam aushalten. Schweigen und weinen. Sie in meine Schulter, ich in mich hinein. Verzweifelt sitze ich da und weiß nicht, was ich tun kann für sie. Sie zählt mir auf, wo sie schon überall um Hilfe gefragt hat. Und ich selbst kann auch nichts tun, bin ja kein Millionär. Nein, die Geschichte kaufe ich ihr auch nicht ab, schon garnicht die mit der dringend zu kaufenden Fahrkarte für 50,00 Euro.

Und doch: Vor mir sitzt ein Mensch, schlägt ein Herz. Sitzt eine Seele die wie ich einfach nur leben will. Einfach nur leben.

Ich will wissen, ob du einen anderen enttäuschen kannst,…

Immer wieder fragt sie, immer wieder sage ich nein. Ihre Hände sind wärmer als meine, langsam frage ich mich, wer hier wen hält. Und dazu diese Augen die eine ganz andere Geschichte erzählen als ihr Mund. Die tiefe Verzweiflung über die Menschen, die Angst, nicht überleben zu können, Angst vor Schlägen und purer Gewalt. Augen lügen nicht heisst es, und ich weiß nicht, ob das stimmt. Vielleicht erzählen auch ihre Augen nur eine Geschichte, um mein Geld locker zu machen. Sie hat kein Geld, und ich habe kein Geld.

um dir selber treu zu bleiben….

Sie aber muss überleben in einer so anderen Welt als ich und kuschelt sich wieder an. Ich halte sie noch ein letztes Mal, bevor wir beide los müssen.

Am Ausgang schaue ich in mein Portemonnaie. Und sie schaut mich verzweifelt an. Zwei Scheine habe ich: 10 Euro und 5 Euro. Freunde teilen und sie bekommt die zehn Euro. Wir verabschieden uns und gehen in entgegengesetzte Richtungen fort. Zur selben Zeit drehen wir uns nochmals um und lächeln einander an. Winken einander und gehen traurig weiter. Sie vermutlich in Richtung Gewalt und ich ins nächste Kaffee-Haus.

Jetzt habe ich womöglich auch noch die Bettel-Mafia unterstützt. Die sollen sich doch verpissen, heisst es. Oder arbeiten gehen. Was es so alles heisst, denke ich mir und bin nachdenklicher als erwartet. Ich kann die Welt nicht retten, die Bettler nicht versorgen, habe selber gerade kein Geld, kann auch diese Mafia nicht vertreiben.

Es interessiert mich nicht…

Ich konnte nur das tun, was mir heute so oft fehlt: Mensch sein. Und mein Gegenüber als Mensch sehen und akzeptieren. Als Herz und als Seele. Nichts weiter. Ich hab sie gehalten und ihr eine halbe Stunde Mensch sein geschenkt und Sicherheit. Und frage mich, ob nicht eigentlich sie mich beschenkt hat. Mit ihrer Lebenszeit, Wärme und Nähe.

Ein Geschenk welches ich lange und innig in meinem Herzen tragen werde. Und mich fragen werde, wo sie ist und was sie tut. Und ob sie leben darf. Als Mensch, als Seele, als Herz.

Georg Rittstieg


 

Hier der ursprüngliche Text, den ich auszugsweise zitiere:

Es interessiert mich nicht…

Es interessiert mich nicht, wie du dein Geld verdienst.
Ich will wissen, wonach du dich sehnst, und ob du es wagst davon zu träumen, der Sehnsucht deines Herzens zu begegnen.

Es interessiert mich nicht, wie alt du bist.
Ich will wissen, ob du es riskierst, dich für die Liebe lächerlich zu machen, für deine Träume, für das Abenteuer, lebendig zu sein.

Es interessiert mich nicht, welche Planeten im Quadrat zu deinem Mond stehen.
Ich will wissen, ob du den Kern deines Leidens berührt hast, ob du durch die Enttäuschungen des Lebens geöffnet worden bist, oder zusammengezogen und verschlossen, aus Angst vor weiterem Schmerz.

Ich will wissen, ob du im Schmerz stehen kannst, meinem oder deinem eigenen, ohne etwas zu tun, um ihn zu verstecken, ihn zu verkleinern, oder ihn in Ordnung zu bringen.

Ich will wissen, ob du mit Freude sein kannst, meiner oder deiner eigenen, 
ob du mit Wildheit tanzen und dich von Ekstase füllen lassen kannst bis in die Spitzen deiner Finger und Zehen, ohne uns zu ermahnen, vorsichtiger zu sein, realistischer zu sein, oder an die Beschränkungen des Menschseins zu erinnern.

Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die du mir erzählt hast, wahr ist.

Ich will wissen, ob du einen anderen enttäuschen kannst, um dir selber treu zu bleiben. Ob du den Vorwurf des Verrats ertragen kannst und nicht deine eigene Seele verrätst.

Ich will wissen, ob du die Schönheit sehen kannst, auch wenn es nicht jeden Tag schön ist, 
und ob du dein Leben aus SEINER Gegenwart entspringen lassen kannst.

Ich will wissen, ob du mit Versagen leben kannst, deinem und meinem, und trotzdem am Ende eines Sees stehen kannst, um zum silbernen Vollmond zu rufen, „Ja„.

Es interessiert mich nicht zu wissen, wo du lebst, und wieviel Geld du hast.

Ich will wissen, ob du nach der Nacht der Trauer und Verzweiflung aufstehen kannst, müde und zerschlagen, um dich um die Kinder zu kümmern.

Es interessiert mich nicht zu wissen, wer du bist, und wie es kommt, wie es kommt, dass du hier bist.
Ich will wissen, ob du in der Mitte des Feuers mit mir stehst, ohne zurückzuweichen.

Es interessiert mich nicht, wo oder was oder mit wem studiert hast.
Ich will wissen, was dich von innen trägt, wenn alles andere wegfällt.
Ich will wissen, ob du alleine mit dir sein kannst, und ob du deine Gesellschaft in den leeren Momenten wirklich magst.

Oriah Mountain Dreamer

Hier vertont von Lait al Deen (Achtung: Youtube!)