(Bild: Georg Rittstieg)

Und dann musste ich den Notarzt rufen

Eine ganz neue Erfahrung für mich, diesmal als Patient und nicht als Mitarbeiter.

Ganz meine Zeit: 6:00h morgens. Ich wache auf und glaube, mein Brustkorb explodiert. So ein Herzrasen hatte ich noch nie. Stehe auf, nervös gehe ich herum. Es hört nicht auf. Zunächst denke ich, was mir bald schon einige schlaue Geister um die Ohren hauen sollten: Ach, wurscht, hatte eh schon jedeR.

20min später wurde es nicht weniger, im Gegenteil. Also mal eben die Frequenz checken: 200+. Cool, der langsamste Mensch der Welt hat einen Puls von 200. Das ist selbst für mich, der immer schon einen Ruhepuls von 90-110 hatte, zu viel. Eindeutig. Und doch. Ich hatte keinen Bock die Kollegen anzurufen und wartete erstmal ab.

Nach 45min Puls 200 kamen Rückenschmerzen hinzu und der linke Arm tat weh. Nun war klar: Es ruft die Klinik. Also Notruf abgesetzt und auf die KollegInnen gewartet. Die glauben dir natürlich nicht. Vor allem weil ich keine Panik hatte, sondern gut drauf war. Monitor angeschlossen, Bestätigung: 200.

Dann ging alles recht zügig, die üblichen Tricks sollten nicht helfen und die blauen Lampen oben auf dem Jumbo wurden bemüht. In der Klinik die üblichen Checks. Knapp zwei Stunden nach dem Start beruhigte sich meine Frequenz und ich ich durfte kurz mal raus, die Laborwerte wurden abgewartet.

Klar, erstmal eine Wurschtsemmel und, ich traue mich kaum es zu gestehen, eine Zigarette. Unglaublich.

Gekommen um zu bleiben

Zurück bei der Ärztin, die Werte waren endlich da: Weitere Untersuchungen waren notwendig, einige Werte im Blut waren alles andere als lustig. Jetzt durfte ich nicht einmal mehr aufs WC gehen, es war plötzlich alles riskant. Hm.

Kurz darauf war klar: Ich musste bleiben. Stationär. Dort permanentes Monitoring, absolutes Verbot, die Station zu verlassen, Kaffee trinken gehen drei Stockwerke tiefer war zunächst nicht erlaubt.

Gefesselt an ein Zimmer mit drei weiteren Männern. Kannst du dir vorstellen, wie der nächtliche Sound war?? Die Tage waren extrem lustig mit den Herren, dafür bin ich heute noch dankbar. Jeder auf seine Weise hin, aber Humor ist ja, wenn man erst recht lacht, oder so…

Ich will es hier abkürzen, nur so viel noch: Täglich jammerste ich den Oberarzt voll, dass ich nach Hause wolle. Bis er sagte: „Vielleicht machen sie sich mal darüber Gedanken: Sie sind hier nicht aufgrund einer Einladung zu einer Party erschienen, sondern sie sind aufgrund eines Ereignisses hier, sie kamen immerhin mit dem Notarzt und nicht mit dem Taxi!”

Er machte klar, dass es durchaus auch schief gehen hätte können, also tödlich hätte enden können. Schon der nächste Anfall kann so ausgehen. Na, das sind doch Aussichten.

Mittlerweile sind die Untersuchungen abgeschlossen und ich bin zu Hause. Alles soweit wieder in Ordnung, keine dramatischen Veränderungen am Herzen, kein Eingriff notwendig. Alles weitere gehört nicht in einen Blog.

Ich kam anders heim als ich ging. Verändert irgendwie. Nicht weil ich plötzlich begriffen habe, dass das Leben auch tödlich enden kann. Das wusste ich tatsächlich auch vorher schon.

Was ich am Rande des Lebens lernen durfte

Ich lebe ausnehmend gerne. Ohne Frage. Und ich habe noch ne Menge vor. Aber wenn ich an diesem Tag abtreten hätte müssen, wäre es völlig in Ordnung gewesen für mich. Seit ich als extrem junger Mann erste sterbende Menschen begleitete, war mir klar, ich will diesen K(r)ampf nicht erleben müssen, beim Sterben erst drauf zu kommen, was ich alles noch hätte tun wollen. Ich habe geliebt, gelebt, wild, frech und wunderbar, habe alles gegeben. Schon vor 20 Jahren habe ich dieses Ziel erreicht, jederzeit in absoliutem Frieden sterben zu können. Du glaubst nicht, welchen Frieden und damit welche Kraft DAS mit sich bringt. Das Buch „5 Dinge die Sterbende am Meisten bereuen” (Link zu Amazon) muss ich nicht erst noch lesen, ich hab es in mir. Es ist dennoch immer eine Theorie, so lange es nicht in der Praxis geprüft wird. Jetzt durfte ich es in der Praxis erleben und es funktioniert! Danke!

Der Satz „Hatte eh schon jedeR” ist gigantischer Schwachsinn

Abgesehen davon, dass die Aussage ohne jegliche seriöse Diagnose inhaltlich falsch ist, und mit der jetzigen Diagnose erst Recht, bringt er nichts, ausser Unfrieden. Denn heilend, wie ich jetzt weiß, ist er nicht. Ausserdem bleibt die Frage, was er aussagen soll. Stell dich nicht so an? Sei nicht so ein Weich-Ei? Diesen Satz durfte ich mir nicht nur einmal anhören, vor allem von sog. Esoterikern. Und damit disqualifizieren sie sich selber, leider. Es gibt wirklich bemühte und qualifizierte sog. Esoteriker, aber die formulieren solche Sätze nicht. Die kassieren nur das Ergebnis der Deppen, die solche Sätze raus lassen. Aber wer denkt, das war schon alles, darf wie ich auch echt staunen, das lässt sich locker steigern:

Jeder Schwachsinn lässt sich locker steigern

“Hatte eh schon jedeR” kommt wie ein Vorwurf rüber, wie eine Anklage, die sich allerdings steigern sollte.

Besagte Esoteriker wissen ihr Programm ja zu steigern. „Georg, verschwinde da, geh aus der Klinik. Ärzte lügen nur und wollen dich krank machen. Du hast ja nix, unterschreib und gehe einfach!”

Und dann sollte ich auch nicht nach Hause fahren, sondern direkt nach Wien zu einem Seminar. Drei Tage mit 80 Leuten feiern. Sicher doch, mein Arzt wäre begeistert gewesen und hätte mich an die geschlossene Abteilung überwiesen. Mit Recht!

In guten wie in schlechten Zeiten

Man glaubt es ja nicht, aber was eh schon so bekannt ist, passiert tatsächlich:
Wenn man alleine lebt, so wie ich, dann ist das weder ein Drama, noch irgendwie nachteilig. Es sei denn, man landet unvorhergesehen in einer Klinik und muss dort einige Tage wohnen. Ohne Zahnbürschtl, Stofftier, Gebetsbuch und Porno. Nein, Schwachsinn, aber ein paar Dinge braucht man schon, es gilt also, etwas zu organisieren, und sei es, die Wäsche und ein wenig Lektüre. Also braucht es Familie und Freunde. Und wer ist da, ausser Familie und den üblichen Verdächtigen?

Die um die ich mich die letzten Monate auch über meine Grenzen hinaus gekümmert habe, für die ich da war, die schwiegen. Waren plötzlich ganz still. Dafür wiederum andere, von denen ich es nie gedacht hätte, waren sofort da.

Das erstaunt und erschüttert mich. Zumal es mir hier nicht darum geht, bedauert zu werden, Händchen halten musste mir auch niemand, aber diese Ignoranz ist schon erstaunlich gewesen und tat zugegeben weh. Aber nun, ich nehme das dankbar zur Kenntnis, nur weiß ich noch klarer, wer meine Freunde sind und wer eher nicht oder nicht mehr. Denn nur nett zu sein, wenn ich mir den Arsch dafür aufreiße, reicht einfach nicht.

Fast wie Familie: Das Rote Kreuz

Wer mich kennt, weiß, daß ich seit vielen Jahren beim Roten Kreuz bin. Zig Jahre in meiner Zeit in Hamburg, jetzt in Graz (KIT und Rettung).
Wer mich kennt, weiß, daß ich kritisch dem Roten Kreuz gegenüber bin, aber bedingungslos dazu stehe und garnicht anders kann und will, als dabei zu sein. Es ist mir zu wenig, immer nur zu nehmen, gierig zu sein und zu schimpfen. Ich will auch etwas zurück geben an die Gesellschaft. Ehrenamtlich. Und das unter den Ideen Henry Dunants.

Erstmalig in meiner gesamten Zeit war ich nun als Patient dabei. Erst bei meiner Aufnahme (Notärztin, Jumbo, RTW), dann für eine externe Untersuchung zweimal mit dem Fahrdienst. Es waren jeweils gemischte Teams aus hauptamtlichen, sowie ehrenamtlichen MitarbeiterInnen und Zivis.

Und ganz ehrlich: Es war mir eine Ehre. Ich bin begeistert und berührt über so derart viel Professionalität, Einsatzfreude, vermittelter Sicherheit und Menschlichkeit. Die hatten und haben richtig Bock auf ihren Job.

Lasst uns daran denken, wenn wir das nächsten Mal Luft holen und angesichts einens Spendensammlers über das Rote Kreuz zu schimpfen anheben.

https://www.roteskreuz.at/stmk/organisieren/bezirksstellen/graz-stadt/http://www.roteskreuz.at/stmk/rettungsdienst/psychosoziale-betreuung/krisenintervention/