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Kurze Einführung:

Ich habe ein Buch in Arbeit. Es handelt vom TOD:

Der Tod ist zutiefst frustriert, weil ihn niemand lieb hat. Er kommt in Gestalt eines Menschen ins Grazer Lendviertel, wo er sich regelmäßig mit Georg betrinkt und jammert. Dieser schickt ihn zum Psychotherapeuten Klaus.

Dies ist ein kurzer Auszug aus dem Buch. So zum reinschnuppern.

Figuren

Jürgen: Inkarnation des Todes.
Georg: Saufkumpan von Jürgen.
Peter: Deren Wirt.
Klaus: Psychotherapeut in Ausbildung.

Der Raum war eher schlicht eingerichtet. Zwei Sessel in rotem Samt, ein auf alt getrimmter Beistelltisch, ein Paket Taschentücher. Eine Yucca Palme im Eck. An der Wand ein Bücherregal mit zahlreichen therapeutischen Werken. Der Herr Therapeut hatte gesagt, Jürgen möge sich schonmal setzen.

Nicht einmal eine Liege gab es, was soll denn das für ein Therapeut sein? Jürgen war jetzt schon genervt, ihm brummte noch der Schädel von der letzten Nacht. Georg und Peter fanden, eine Flasche Whiskey würde reichen, aber Jürgen war da anderer Ansicht. So lange er den Schmerz noch fühlte, war es nicht genug Alkohol gewesen. Jetzt fühlte er auch einen Schmerz, aber der war mehr im Kopf.

„So Herr Jürgen, da bin ich, Danke für’s Warten!“ Klaus, der Psychotherapeut war voller Elan in den Raum geschwebt und setzte sich.

„Darf es ein Wasser sein? Oder ein Kaffee? Sie sehen ehrlich gesagt müde aus..“

Müde? Kein Wunder, der Tod hatte immer viel zu tun und quasi nie Feierabend. Den haben nur die Menschen, damit sie wenigstens zum Sterben Zeit haben. Und als Tod hat man ja nicht einmal eine Gewerkschaft. Also ja, müde ohne Ende. Und der Kopf.

„Also n Kaffee wäre klasse. Und wenn es geht mit Schuss, damit der Kopf…“

„Alkohol trinken wir nicht während einer Sitzung!“ Da war Klaus streng.

„Wieso wir? Reicht ja, wenn ich was kriege…“ Alter Fuchs, das Würschtel von Therapeut nervt ja jetzt schon.

Der Kaffee kam, wenigstens Zucker gab es.

„Jetzt wollen sie sicher besprechen, ob ich alle meine Probleme mit Alkohol kompensiere..?“

„Interessant, dass sie das erwähnen. Lassen sie uns das speichern, wir wollen mal mit dem Grundsätzlichen beginnen.“ Geschäftig nahm der Therapeut sein Klemmbrett und begann, zu notieren.

„Vorname Jürgen, Familien-Name?“

„Jürgen. Mehr habe ich nicht.“

„Jeder Mensch hat Vor- und Zunamen. Sie auch.“

„Vielleicht liegt es daran, dass ich keine Familie habe. Ich bin einzigartig. Und überdies kein Mensch. Die meisten erkennen mich auch so, auch wenn es dann zu spät ist.“

Jetzt war Klaus langsam angestrengt. Scheint ein spezieller Typ zu sein. Georg hatte ja am Telefon schon vorgewarnt. Trotzdem, auch wenn sein Tipp ernst gemeint war, eine Flasche Whiskey würde niemals ihren Weg in eine Therapie-Sitzung finden.

Klaus versuchte es noch einmal:

„Welchen Nachnamen darf ich notieren?“

„Wenn ihnen das derart wichtig ist, notieren sie einfach ‚Tod‘. Jürgen von und zu Tod. Also ohne das ‚von und zu‘, ich will mir hier ja…“

„Bitte? So wie der Tod? Die Figur? Oder das was am Ende des Lebens kommt?“

Wenn der wüsste. Gereizt überlegte Jürgen, wann dieser Klaus fällig ist, abgeholt zu werden.

„Tod wie Tod. Mit TO am Anfang und D am Ende. Da bin ich ja genau!“

Leicht irritiert notierte der Therapeut den angegebenen Nachnamen mit einem Hinweis versehen, hier noch eine spezielle Diagnostik anzufordern.

„Herr Jürgen, warum sind sie hier?“

Was war das wieder für eine beschissene Frage. Er war hier, weil Georg das so wollte. Und jetzt ist es nur mehr anstrengend. Sagen darf man das natürlich wieder nicht.

„Ich bin zutiefst traurig und frustriert, weil mich niemand lieb hat und haben will. Ganz einfach.“

„Wie kommen sie darauf?“

„Naja, wenn ich antrete, dann wollen alle immer weglaufen. Niemand will mich in seiner Nähe. Frauen nicht, Männer erst Recht nicht, Kinder sowieso nicht. Nur die alten Leute sind manchmal froh, wenn ich komme!“

„Inwiefern froh?“

„Naja, dann haben sie es einfach hinter sich.“ Dieser Therapeut war nicht sonderlich schlau, wie es schien.

„Wenn sie…“, weiter kam Klaus nicht, Jürgen war gereizt.

„Ich habe es ganz einfach satt, verstehen sie das nicht?“

„Was verstehe ich nicht?“

„Die ganzen Fragen führen doch zu nix. Am Ende bin ich wieder der Depp und sie bilden sich ein…“

„Moment. Bitte helfen sie mir, sie zu verstehen. Damit ich mir nichts einbilden muss!“

„Ich dachte, sie sind der, der hilft?!“

„Sie haben eben gesagt, dass sie es satt haben.“

„Ja, ich habe es alles so satt, ich mag nimmer!“

Jetzt war Klaus richtig wach. Egal ob dieser Patient eine Diagnose hat oder nicht, jetzt brauchte es eine Suizid Abklärung. Sicher ist sicher. Der sieht fertig aus, richtig abgelebt, verbraucht und irgendwie gefährdet.

„Haben Sie eigentlich..“ Weiter kam Klaus nicht.

„Ich muss mal pissen!“

Ohne weitere Erklärungen stand Jürgen auf und stellte sich mit geöffnetem Hosenstall an die Yucca Palme. Klaus war sprachlos, während Jürgen leicht in die Knie ging und die notwendigen Vorbereitungen traf, sich ein Wasser abschlagen zu können.

„Wir, äh, also ich, habe auch eine Toilette! Immerhin. Durch den Flur, dann letzte Tür links…“, versuchte Klaus, sich zu fassen und die Palme zu retten.

„Wozu, ich..“

„Stop! Die Yucca Palme ist das letzte Geschenk meiner Mutter!“

„Ist doch wurscht. Die habe ich doch letztes Jahr geholt, die ist tot!“

„Ja, eben! Was, ich verstehe nicht, sie haben was getan?“

„Sag ich doch…“.

Entnervt erleichterte sich Jürgen im WC und war sich endgültig sicher, dass Menschen irgendwie nicht seins waren. Die waren alle anstrengend, irgendwie für ein leichtes Leben nicht zu haben. Kein Wunder, dass er immer Jüngere abholen musste, die stressten sich ja alle nur mehr. Selbst eine Yucca Palme ist denen so heilig, dass man nicht mal… Weiter kam Jürgen nicht. Ob es in der Küche Schnaps gab?

Die Küche war ja der Hammer. Da war zwar ein Kühlschrank, aber es gab nur abgelaufene Milch und Fischstäbchen. Und im Kasten befand sich ein großer Vorrat an Taschentüchern und eine alte Packung Kamillentee. Na prost, Therapeuten führten sich ja schlimmer auf, als alte Menschen. Jetzt war es echt gelaufen, Jürgen wollte gehen. Aber der feine Herr Therapeut zwang ihn, sich wieder zu setzen.

„Ich bin besorgt um sie!“

„Ja, um Sie mache ich mir auch Gedanken, Herr Therapeut. Kamillentee? Ihr Ernst? Vögeln sie auch mit Jute-Säcken, statt mit Gummis?“

„Also wie ich den Beischlaf vollziehe ist jetzt nicht wichtig!“ Er würde nie wieder Klienten von Georg annehmen, so viel war sicher.

„Was ist denn dann wichtig? Ich möchte jetzt gehen!“

„Sie bleiben. Ich habe eine Frage: Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?“

Stille. Vollkommene Stille.

Jürgen konnte nicht fassen, was er da gehört hatte. Wie soll man sich denn das Leben nehmen, wenn man der Tod höchstselbst ist? Dafür würde er Georg eine klatschen, dieser Therapeut war ja nicht ganz dicht. Erst Kamillentee, dann so eine wirklich verblödete Frage. Was soll dabei rauskommen, Georg? Das wird dich aber viel Schnaps kosten, das war schonmal klar. Vielleicht sollte ich jetzt nicht ganz ausrasten, das gibt dann immer Ärger, diese Menschen waren ja so sensibel.

‚Ha, da ist was. Diese Frage bewegt ihn!‘ dachte sich Klaus und wartete. Der Klient schaute gereizt zur Palme, von dort ins Bücherregal und wieder zurück auf seine Hände. Er knotete sie, wurschtelte irgendwie unsicher herum. Und diese Stille, jetzt war spannend, was da wohl kommen würde.

„Also,“ und Jürgen betonte den ersten Buchstaben ausgiebig, „also, wie genau stellen sie sich das vor? Wie soll das gehen?“

„Sagen sie es mir. Haben sie bereits Ideen dazu?“

„Was glauben sie denn, werter Herr Klaus, was dabei rauskommen soll, wenn der Tod selbst sich das Leben nimmt?“

Diese Suizid-Abklärung wird ja eine besondere, dachte sich Klaus noch, als der Klient gleich einen draufsetzte:

„Und wo wir gerade so gemütlich dabei sind: Angenommen, ich nehme mir erfolgreich das Leben, was ja ohnehin spannend ist, weil mir nicht klar scheint, wie sich bei einem wie mir, also beim Tod selbst, Leben definiert, also wenn ich das schaffe, wer kommt mich dann holen? Das ist ja mein Job. Und es werden nicht jährlich tausende neue Tode ausgebildet wie bei euch Therapeuten, ich mach den Job ja alleine. Wer also kommt mich dann holen? Machen sie das dann als mein Nachfolger?“

Stille.

„Ich, also ich als ihr Nachfolger, also…“.

„Nur damit das klar ist: Dazu müssen sie ja mindestens erstmal sterben. Nicht? Und wie es dann weiter geht, weiß ich nicht. Ich kann mir nicht vortstellen, dass das so geplant ist, dass der Tod stirbt…“

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