So etwas kann ja mal vorkommen, aber die Nummer frustriert mich jetzt. Sie macht mich traurig. Das nicht verstanden zu haben, was uns Menschen essentiell ausmacht, ist schlimmer als ne 6 in der Schule!

Ich habe gestern mit meiner Mutter geplaudert. Nachdem mein Vater vor 16 Jahren verstorben ist, lebt sie wie durch ein Wunder wieder in einer Partnerschaft. Eine Partnerschaft voller Liebe und tiefem Respekt. Beide haben ihre damaligen Partner durch den frühen Tod verloren, beide haben nicht mehr geglaubt, noch einmal so etwas Schönes erleben zu dürfen. Sie hatten Mut, sie wurden verkuppelt und die Liebe ist groß.

Meine Mutter ist über 70 und nach wie vor eine echt lebendige und lebenslustige Frau die Unmengen an Leuten kennt und dauernd auf Achse ist. Die letzten Jahre musste sie sich ja auch mit niemandem absprechen, wenn sie wieder einmal irgendwie nie zu Hause war. Jetzt ist es anders, sie hat einen Partner, will auch zu Hause sein, bei ihm. Er wiederum hat immer sehr eng mit seiner damaligen Frau gelebt, ist es gewohnt, dass man immer miteinander ist. Zwei Welten prallen aufeinander, zwei extreme Entwürfe des Lebens begegnen sich hier. Und was soll ich sagen, sie schaffen es gut, sie lernen voneinander, üben sich, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen. Meine Mutter ist immer noch viel auf Achse, aber weniger.

Wir sprachen über das Gegenteil in ihrer Ehe mit meinem Vater. Mein Vater, absoluter Freigeist und tief geprägt durch die 68er, lebte die Freiheit pur. Es gab keine Verbote oder Gebote, meine Mutter ‚durfte‘ immer tun und lassen, was sie wollte. Beide waren unglaublich aktiv und engagiert. Und ich spreche hier nicht von der Idee der sexuellen Freiheit. Sie hatten einander und liebten einander. Es geht hier um die Freiheit zu leben und sich auszudrücken wie und wer man ist. Das war damals schon selten, ich erlebte die Ehen anderer auch damals eher eingeschränkter. Vielleicht bekam ich hier eine Ahnung von der Freiheit in der Liebe?

Und jetzt schaue ich mich in meinem Umfeld um und staune

Studien zeigen, was ich erlebe: Die jüngere Generation lebt weit strenger und eingeschränkter als deren Elterngeneration:

Ich habe Paare in meinem Umfeld, bei denen ich niemals die Chance hätte, eine/n von beiden alleine zu treffen. Sie halten es für ausgeschlossen, dass eine/r etwas alleine tut, vor allem, wenn man sich gegegeschlechtlich trifft. Sie braucht keinen Mann alleine zu treffen, so wie er auch keine Frau alleine treffen soll. „Wozu?“ fragen sie dann, das sei „nie gut, wer weiß“.

Geht es also in allen Begegnungen wirklich immer nur ums Bett, um Sex, um Begierde? Weil wir zwar über die Bonobos lachen, die dauernd vögeln, aber im Grunde nicht anders sind?

Ich habe ein weiteres Paar in meinem Umfeld, wo echte Verbote an der Tagesordnung sind. Sie darf nur treffen, wen er erlaubt. Andere Männer wiederum finden es sowieso besser, die Partnerin bliebe überhaupt zu Hause. Sie soll außerdem, wenn geht, auch nicht so viel arbeiten und Kollegen treffen, schon garnicht des Abends an der Theke. Sie können doch die Abende aufs Sofa und Fußball schauen.

Echte Verbote und Gebote.

Scheisse und jetzt weiß ich, daß ich die Liebe wirklich nicht verstanden habe. Fuck!

Ich dachte…

Ich dachte, die Liebe habe mit Vertrauen zu tun.
Ich dachte, die Liebe sei kein Gefängnis.
Ich dachte, wer wirklich wirklich liebt, kann loslassen.
Ich dachte, wer wirklich wirklich liebt, ist bereit an sich zu arbeiten, aus lauter Liebe.
Ich dachte, wer wirklich wirklich liebt, will alles tun, damit es dem oder der anderen einfach gut geht.

Ich dachte, wer aus Liebe zu Hause bleibt und die gemeinsame Zeit sucht, sei anders liebend, als die oder der, die oder der aus Zwang zu Hause bleibt.
Ich dachte, die Liebe sei nicht Pflicht, sondern Moment.
Ich dachte, die Leibe sei nicht MÜSSEN, sondern WOLLEN.

Ich dachte, die Liebe sei nicht einmal WOLLEN, sondern SEIN.