Neulich habe ich Thomas wieder getroffen. Er rief mich an und suchte ein Gespräch. Auf der Bank, „Du weißt schon, die vor der Trafik„. Worum es gehen würde? Das wollte er mir nicht sagen. „Georg, nur 20 Minuten.“

Ganz ehrlich, ich war unsicher. Was würde er wirklich wollen? Ich war gerade selber echt klamm, hatte kaum etwas was ich geben konnte. Glaubte ich.

Wer war pünktlicher als ich? Thomas. Wer war wieder mal recht gut drauf, trotz der ganzen Scheisse Dir er mir gleich erzählen würde? Thomas. Unglaublich der Typ. Aber immer wenn ich ihm das sage, kommt die gleiche Ansage zurück. Was das wohl an seiner Situation ändern würde, wenn er jetzt auch noch jammern sollte.

Wir saßen also auf der Parkbank und plauderten. Kalt wurde es, aber nicht nur der Temperatur wegen. Thomas erzählte mir aus seinem Leben. Von seinem eigenen Lokal in Düsseldorf. Von seinen 14 Angestellten. Er sprach von seiner Lebensgefährtin. Ihre Lebenswege trennten sich, wegen der zu vielen Arbeit. Sein Weg nach Österreich, dort arbeitete er in der gehobenen Gastronomie. Daher auch seine nach wie vor präsente Eleganz, dachte ich. Dann sein Weg down, sein Absturz auf die Strasse. „Georg, Weihnachten habe ich da vorne gefeiert. Auf dem Boden, da hatte ich mir einige Pappen ausgebreitet. Siehst Du den schwarzen Container?“

Ja, den schwarzen Container sah ich. Und dachte an Weihnachten.

Was seine Lage so schwierig macht? Fehlende 98 Euro. Mit 98 Euro könnte er mit dem Zug nach Düsseldorf fahren. Dort seine Papiere neu ausstellen lassen. Ohne Papiere bekommt er hier nix vom AMS, nix vom Sozialamt, nix von der Caritas. Und ohne Papiere bekommt er auch keine 98 Euro, um sich damit in D neue Papiere ausstellen zu lassen.

Er erwähnt noch, dass er momentan bei einem Kollegen wohnt. Mehr haust. Der Kollege trinkt extrem und hat somit trotz AMS Unterstützung auch kein Geld. Beide frieren dauernd, kein Geld für Heizung und Essen. Warmes Wasser geht noch. Damit füllen sie Flaschen mit denen sie sich dann hinlegen, „damit es wenigstens ein bisschen warm ist„. Sie streiten mittlerweile dauernd und Thomas glaubt, bald wieder ganz auf der Strasse zu sitzen.

So Georg, Du musst los. Die 20 Minuten sind um. Du hast zu tun. Ich wollte Dich nicht stören, ich wollte einfach nur mal jemanden, der mir kurz zuhört. Jemand, der mich mal reden lässt, der mir zuhört, wenn ich erzähle was mich gerade belastet.“

Berührt gebe ich ihm mein Kleingeld, wenigstens was. Damit er sich heute auch „ne Bemme schmieren“ kann, wie letztes mal als wir uns sahen.

Zu Hause steige ich nach der so kalten Bank unter die Dusche. Und bin unendlich dankbar. Dafür, dass ich so oft heiß duschen darf wie ich will. Dafür, dass ich es warm habe und etwas zu essen. Und für meine Begegnungen mit Thomas.