Thomas ist wieder zu Hause.
Wo auch immer das ist, wenn man keines hat. Er ist wieder in der Heimat, in Deutschland, untergekommen bei einem Freund. Vermutlich liegt er momentan in einer Klinik und wird versorgt, sein Bein bereitete immer mehr Schmerzen, die Unterernährung war auch nicht gesund….

Es wurde zuletzt immer stiller um Thomas und immer bitterer.
Seine Unterkunft verkam immer mehr, er hauste mit weiteren Obdachlosen in einer zunehmend verschmutzten Bude an der Mur. Kein Strom, kaltes Wasser und am schlimmsten wohl die zunehmende Frustration. Von Depression würde ich sogar sprechen.

Thomas wurde immer einsilbiger, verkam immer mehr. Der zunehmend konsumierte Alkohol tat sein übriges. Ich selbst ging ebenso durch eine Zeit die nicht nur schön war und so sahen wir uns seltener und seltener. Und doch hatten wir immer Kontakt miteinander – weil wir oft aneinander dachten. Entweder rief ich ihn an auf seinem alten kaputten „prepaid-ohne-Guthaben-Handy“, oder er ließ es bei mir klingeln um damit zu sagen, „hey Alter, ruf mal zurück“.

Ich gebe zu, ich konnte die Geschichten die ich ein langes Jahr wieder und wieder gehört hatte, nicht mehr hören.
Ich gebe zu, ich war gegen Ende mir näher als ihm.
Ich gebe zu, ich wollte, dass endlich etwas geschieht, er wieder auf die Füße kommt.
Ich gebe zu, ich wurde fast ärgerlich über seine „Lähmung“ – die ihn lähmte, zu handeln, aktiv zu werden.

ICH GEBE ZU ICH HABE ÜBERSEHEN, DASS ICH IN EINEN SPIEGEL BLICKTE.
Hatte ich nicht auch Geschichten erzählt, wieder und wieder und deutlich länger als ein Jahr, und änderte nichts?
Wollte ich nicht auch lange schon in einigen Bereichen meines Lebens auf die Füße kommen und tat nix?
War ich nicht selber in manchen Bereichen wie gelähmt?
Wieder warst also Du mein Lehrer Thomas – ich habe nur spät bemerkt…. 😉
(Habe auch Dank diesem Anstoss einige radikal geändert und WUMMS, der daraus entstehende Energieschub ist GENIAL!!….)

Thomas, ich will hier jetzt nicht zuviel „Psychokacke&Seelenstriptease“ verbreiten, auch so manche andere Geschichte die wir zusammen erlebt haben, hat mich berührt. Weißt Du noch, wie wir beide auf unserer Bank vor der Trafik am Lend saßen, beide ne Dose Bier in der Hand, es war 18:30h, also nicht der frühe Morgen, und wurden als Sandler beschimpft? War schon witzig, vor allem weil Du an dem Tag wieder mal fast gepflegter ausgesehen hast, als ich. Die Kleidung aus Deiner alten Zeit als „Top Service Kraft in der gehobenen Gastro“ war schon echt elegant. N‘ bisserl verwittert halt, aber elegant.

Dann kam der Tag, als der Photograph aus Berlin neben Dir saß und Bilder von Dir machte. Chris hat sie für Dich ausgedruckt und Du hast sie uns, Deinen Freunden geschenkt. „Häng’ das auf zu Hause und denk immer daran, daß Du nicht soviel Scheisse baust wie ich. An mir siehst Du, wo das enden kann…!“ Das Bild hängt immer noch bei mir. Jetzt ist es sogar in meinem Blog.
Chris war es dann auch, durch den Du und ich nochmals das besetz der Straße erleben mussten, wer sich wann und wie selbst der Nächste ist, trotz aller freundschaftlicher Bemerkungen. Sitzen hat er Dich lassen. Im ersten Moment bitter und eigentlich ein großes Geschenk – es war für Dich die Zündung, endlich wieder aktiv zu handeln, oder?

Erschüttert erinnere ich mich auch noch, wie ich virtuell geprügelt wurde, weil ich es gewagt hatte, online für Dich einen Schlafsack gegen die herbstliche Kälte zu suchen:

  • „Soll arbeiten gehen…“
  • „Soll zur Caritas gehen…“
  • „Soll bei Dir einziehen…“
  • „Was soll das, der erzählt doch nur Geschichten….“

…und viele weitere ach so kluge Bemerkungen kamen, dies waren eh nur die harmloseren.

Thomas, ist es wirklich wichtig für mich, für andere, ob die Geschichte die Du erzählst wahr ist (Was ist nochmal WAHRHEIT?), ob Du faul bist, träge oder irgendwas anderes? Ist es nicht viel wichtiger, dass Du in erster Linie EIN MENSCH BIST, einer, dem es gerade BESCHISSEN geht? Kennen wir das nicht alle, dass wir in manchen Situationen einfach unfähig sind zu handeln, irgendwie wie blockiert sind? JA, kennen wir, aber manche verurteilen lieber Dich, und merken dabei nicht, dass sie im Grunde damit sich selbst angreifen….

Thomas, nun bist Du wieder in Deutschland und ordnest Dein Leben. Das freut mich sehr, damit wirst Du wieder aktiver. Du bist ein wunderbarer Mensch, einer zum lieb haben, streiten, lachen, weinen und – zum Leben lernen. Wenn alles gut geht, geht es Dir bald besser und wieder gut.

Weisst Du was? Ich bin Dir restlos dankbar und – ich vermisse Dich!