„Das ist ungesund! Hat mir mal n Arzt gesagt…“

Ich staune. Und nehme grinsend die bunten Schokolade Kugeln aus dem Regal.

„Na dann nehme ich sie doch erst recht…“ fällt mir noch dazu ein. Eigentlich bin ich komplett müde, früher Abend, ich schlurfe durch den Supermarkt nachdem ich seit morgens 4:30h auf den Beinen war. Den ganzen Tag im Dienst für die, denen es nicht so gut geht. Ich arbeite nebenher im Grazer Rettungsdienst.

Ein nettes Gespräch mit dem Mann neben mir beginnt. Er trägt einen alten Schlapphut, einen alten eleganten Schal, Mantel. Sein Dialekt fällt mir auf. Ob er auch aus Hamburg ist? Nein, stellt sich raus, er kommt aus Düsseldorf. Hat aber lange in Hamburg gelebt und gearbeitet. In einem bekannten Hamburger Hotel. Und gewohnt hat er in der gleichen Gegend wie ich. Jetzt war ich ja sofort hell wach. Was hätten wir uns nicht alles zu erzählen an diesem vorweihnachtlichen 22., am Abend nach dem gescheiterten Weltuntergang.

Wie sich herausstellte, war für ihn schon ein Teil der Welt untergegangen. Seine Eleganz war mehr alter Glanz aus alten Zeiten. Sein schöner Schal „ein letzter Rest an Würde“. Thomas wohnt manchmal am Lendplatz- vor oder im Klo-Häuschen. „Georg, ich bin ein Penner. Ich hatte mal viel Geld, war ganz oben. Hab n paar Sachen falsch gemacht. Jetzt bin ich nur noch ein dummer Penner. Hier sagt man ja mehr Sandler. Und keiner guckt mich mehr an, niemand will mit mir reden!“

Jetzt war ich still. Erschüttert und still. Seine Erscheinung war immer noch elegant. Seine Sprache ebenso. Der Schal ein letzter Rest Würde. Vor Gott, dessen Fest wir ja zwei Tage später feiern sollten, sind ja alle Menschen gleich. Aber vor Menschen sind Menschen eben nicht gleich. Karl Gamper spricht schon lange davon, dass Menschen einander als Menschen erkennen sollten. Und hier war einer der sogar noch elegant war, eben alt elegant, aber dessen letzte Würde nur noch sein alter Schal war.

„Und so ein weißes Hemd was Du da an hast, davon habe ich auch welche. Aber sag mir mal, wann ich die anziehen sollte….“.

Anrufen will er mich die nächsten Tage. Natürlich nach den Feiertagen, da wolle er mich nicht stören. Aber danach. Nein, er braucht nicht den Lebensberater in mir, er braucht ein Gespräch. Ein einfaches Gespräch, jemandem, der ihm mal zuhört. Weil ihm „niemand mehr zuhört“. Zumindest dieses Schicksal teilt er mit vielen Menschen, den alten, den behinderten Menschen, den Nachbarn, den gebeutelten, den anderen, den Ausländern, und sonst wem. Zuhören- nein dafür haben wir keine Zeit.

Bevor ich weiter darüber nachdenke, zeigt er mir den Inhalt seines Korbes: Billig Bier und Wein aus der Tüte. So weit sei es schon gekommen, sagt Thomas. Er habe zu trinken begonnen. Man wolle sich irgendwann betäuben. „Aber Georg, der Alkohol betäubt nur Deinen Körper. Die Gedanken bleiben Dir, die betäubt der Alkohol leider nicht.“ Und dass der Alk keine Lösung sei, wisse er auch, schließlich war er auch jahrelang in der Schule, erfahre ich. „Aber irgendwann geht’s nicht mehr anders…“

Mein Gott. Als wir darauf kommen, dass es jeden treffen kann, Dich, mich, jeden, schließlich leben sogar ehemalige Zahnärzte, Anwälte und sonstige angesehene Leute plötzlich auf der Straße, wird mir fast schlecht. Plötzlich bist Du auf der Straße. Schicksal heißt es dann. Und dann redet niemand mehr mit Dir. Es hört Dir keiner mehr zu, schließlich bist Du ja selbst SCHULD an Deiner Situation. Thomas bleibt sein Schal, seine Würde. Was er kaum ahnt, es bleibt ihm vor allem auch seine Würde und seine Eleganz als MENSCH.

Gemeinsam an der Kasse stehend fällt mir plötzlich ein, wofür ich mein heutiges Trinkgeld bekam. Ein Großteil davon war mit Sicherheit für Thomas bestimmt. „Frohe Weihnachten Thomas“. Mit plötzlich zitternden Händen nahm er das Geld ohne zu zögern an. Er könne jetzt nichts sagen außer Danke. Aber beim Anruf wolle er sich dann dazu äußern. Was er längst in inniger Weise getan hatte: Ihm liefen die Tränen. Stumm und voller Würde stand dieser alte Düsseldorfer vor mir und weinte. Ich weinte nur nach innen, war sprachlos. Und er stand da und hatte mich still daran erinnert, was Weihnachten heißt und daran, dass Geben seliger ist, denn Nehmen.

Ob ich christlich bin oder nicht, heute hatte ich gelernt, was für ein Geschenk es ist, schenken zu dürfen. Heute hatte ich gelernt, was Würde ist, hatte ein bisschen begriffen, was Weihnachten auch sein kann. Und habe wieder einmal gesehen, wie wichtig und einfach es ist, einander da zu sein. Sei jemandem ein Ohr und Du hast ihn reich beschenkt.

DANKE THOMAS, FROHE WEIHNACHTEN.