Es berührt mich: Immer wieder werde ich gefragt, wie es Thomas geht.
Thomas, der Mann der mehr oder weniger auf der Straße lebt und den ich als mein Weihnachtsgeschenk beim Billa am Lendplatz kennen lernen durfte. Ja, klingt extrem, er ist mein Weihnachtsgeschenk. Ich bin vorsichtig mit dem Wort Freundschaft, aber hier bin ich gerne unvorsichtig: Wir sind mittlerweile dabei, uns anzufreunden. Mit allem was Freund sein bedeutet.

Ich habe Thomas vielleicht manchmal ganz wenig Geld gegeben, mal brachte ich etwas zu Essen mit. Öfter tranken wir ein Bier zusammen. Mehr gab ich nicht. Und was ist? Er hat mich reicher beschenkt als ich es ihm je hätte geben können.

Wie geht es ihm den nun?
Schlecht. Was soll ich sagen, schlecht. Er lebt nicht ganz auf der Straße, er hat zumindest drei Matratzen, einen Stuhl, ein oder zwei Gläser und ein Waschbecken. Somit hat er ein Dach über dem Kopf, es regnet nicht rein. Aber er haust unter dem Dach eines Bekannten, eine bittere Geschichte, der sich zur Zeit zu Tode säuft. Mit allen Konsequenzen, man kann sich nicht einmal annähernd vorstellen, was das für diesen Menschen bedeutet, aber auch nicht, was es für Thomas bedeutet, einem Mann der sich pflegt und täglich besser riecht als ich und dennoch am Ende ist. Thomas, das weiß ich mittlerweile, fehlt nicht nur das Geld für die Fahrkarte nach Deutschland, wo er sein Leben regeln könnte, nein, er darf zur Zeit das Land nicht verlassen. Hat ein Verfahren in Innsbruck anhängig, blöde Geschichte, hat mal seine Chefin verteidigt gegen einen Besoffenen, nun steht ein Verfahren an. Wer kein Geld hat für eine Semmel, hat erst recht keines für einen Verteidiger. Der Pflichtverteidiger hat wenig Lust zu handeln und so muss Thomas nicht nur ständig die Fahrt nach Innsbruck abwehren (er kann die Reise weder finanziell noch gesundheitlich schaffen), sondern darf das Land nicht verlassen, muss sich zweimal die Woche bei der Polizei melden.

Was passiert in der Zwischenzeit? Er fliegt bald aus der Behausung, die Miete dort ist lange schon nicht mehr bezahlt worden. Dann droht die Straße. Er isst kaum, schläft kaum der Sorgen wegen und sieht sich kaum raus aus all der Scheisse. Dabei könnte er in Deutschland sein Leben regeln, dort wäre noch etwas Geld, dort gäbe es neue Papiere, dort gäbe es vielleicht ein bisschen Zukunft. Aber er muss sich sinnlos wartend zweimal wöchentlich in Graz melden…….

So geht’s ihm. Übel.
Und was tut er? Was leistet jemand der so am Ende ist? Er ist mir Freund geworden. Er ist DA. Mit allem was er kann und hat. Er zeigt LIVE, was wir alle so oft reden und so wenig wirklich verstehen: ‚Es kommt nicht aufs Geld an, sondern die inneren Werte zählen…‘, ‚das größte Geschenk ist Zeit‘, …blablabla…..

Wie macht er das? Ganz einfach. Wenn er fragt, wie es mir geht, will er es WIRKLICH wissen. Er hat riesige Ohren. Und er hält es aus, wenn es mir Scheisse geht (meine Trennung zum Beispiel). Er hat keine klugen und ach so coolen Ratschläge, NEIN, er hat VERSTÄNDNIS. Und er WERTET NICHT. Und er fragt immer wieder, ganz offen und ganz ehrlich.
Und sein vielleicht größtes Geschenk? Offene, herzliche und innige Umarmungen. Als es mir echt beschissen ging, nahm er mich in den Arm und hielt mich. ER der kaum mehr etwas hat, war der der MICH auffing.

Kannst Du Dir auch nur annähernd vorstellen, was für ein Gefühl das ist? DAS ist LEBEN. Das ist Begegnung. Von Mensch zu Mensch.

Ich habe immer gesagt, wirklich Leben lernst Du von Sterbenden. Das glaube ich auch heute noch. Ab jetzt mit dem Zusatz: Und von Thomas. Ach und ich könnte noch so vieles erzählen von diesem Mann auf der Straße. Hatte ich schon gesagt, wie mutig ich ihn finde? Ja, er steht zu seiner Geschichte, Ja, er steht dazu, selbst Scheisse gebaut zu haben, für all das selbst verantwortlich zu sein. Das ist schon mutig. Aber zwischendrin die Nerven zu verlieren und offen zu weinen, DAS ist mutig. Männer weinen doch nicht. Oder?
Vielleicht ist es auch der Moment, wo er gesteht, heute eine Semmel und ne Wurst geklaut zu haben, weil man mit „5 Cent in der Tasche“ nicht weit kommt. Wir werfen täglich TONNEN an GUTEN Lebensmitteln weg, aber ne Semmel und ne Wurst verschenken, das geht zu weit……

Vielleicht sind es auch die Erfahrungen, die ich mit ihm machen darf zum Thema Verurteilungen und Schubladen: Da sitzen wir gegen 21:00h auf der Bank, plötzlich geht hinter mir Katharina mit zwei Kollegen vorbei. Es war schon etwas dunkler, sie sah mich nicht. Ich rief hinterher. Ein Kollege hört mich und sagt zu Katharina: „Du, der Sandler da will was von Dir….!“ Das sind schon besondere Momente, Du sitzt auf ner Bank, hast ne Dose Bier in der Hand und automatisch ist klar, was Du bist: Er fauler Sack, der sich weigert zu arbeiten und schmarotzt, ein Sandler eben. AHA!! Ich trank nur ein Bier. Und neben mir sitzt Thomas, ein Mann der Straße, aber einer der bis jetzt die Power hatte und hat, sich seine Würde zu erhalten. Das schaffen bei weitem nicht alle die es beutelt….

Ja, ich lerne viel von Thomas. Und es gibt noch vieles mehr zu erzählen, aber eigentlich wollte ich doch nur sagen, wie sehr ich ihn mittlerweile ins Herz geschlossen habe. Er beschenkt mich so reich, dass es mir oft unangenehm ist, dass ich so wenig geben kann. Ja, ich weiß schon, wichtiger als Geld&Co sind Zeit und Nähe. Aber an der Stelle wo Thomas jetzt ist, braucht es manchmal auch mehr: Essen, ein sauberes Dach über dem Kopf, ein bisschen Geld. Sein größter Wunsch momentan? Ein Tisch, zwei Sessel, ein Tischtuch, Platzteller, Besteck und echte Gläser. Und dann Quark mit Pellkartoffeln, dazu ein Bier. Nicht mehr.

Wenn man mal so weit ist, dass DAS der größte Wunsch ist, weißt Du Bescheid.
Er will mir dazu ein Bild von sich schenken. Ein großes, wie er hinterm Hotel auf der Bank sitzt, mit ner Dose Bier. „Dann kannst Du mich immer ankucken Georg und Dich daran erinnern, dass ich Dir von Herzen wünsche, dass Du niemals so weit abstürzt!“ Jetzt war ich dann so weit, mir kamen die Tränen. Aber nur innerlich, so mutig wie Thomas bin ich noch nicht.

DANKE Thomas von Herzen. Danke für alles.

 

Nachtrag:
Eines weiß ich sicher: Wir werden an diesem Tisch sitzen, Thomas und ich. Eines Tages.