Mitten im Seminar.
Erste Meldungen sickern durch:
Amokfahrt. Tote.

Keine innerliche Reaktion.
Ist doch Seminar und alles
Schreckliche dieser Welt
kann ich nicht betrauern.
Nicht im Seminar und sonst
auch nicht.

Meldungen verdichten sich.
Amokfahrt in Graz.
In der Herrengasse.
Jetzt gerade.

Plötzlich wach: WAS BITTE?

Handy auf, Facebook und Medien.
Erste Bilder, erste Texte. Erste Reaktionen.
KollegInnen im Einsatz.

Schock. Hier vor der Tür?
Dort wo ich immer bin wenn
Samstags nicht Seminar ist?

Das kann doch nicht….
Der Fahrer ist einfach so,
einfach Gas und durch, mitten
durch Menschen, durch
Leben und andere Schicksale.

Laut soll es gewesen sein und
brutal. Wo doch der Tod so still ist.
Schreiende Menschen. Überall.

Jetzt auch und man weiss nicht einmal
was man schreien soll. So sind es stumme und stille Schreie,
Schreie die deutlich machen, dass man nicht
verstehen kann was war. Dass der einfach so mit
einem Auto, einem großen Auto gegen auch
‚kleine‘ Menschen, Kinder, fährt. Nicht weil
es ein Unfall war und passiert ist. Sondern weil es
offensichtlich hat sein sollen aus der Sicht des Fahrers.

Unfasslich.
Unerträglich.
So nah.
So plötzlich.
Keine 10 Minuten und

alles steht still.
Manches für immer, es hat Tote gegeben,
manches für vielleicht nicht für immer und doch
für immer weil nach diesen 10 Minuten nie wieder
es so sein wird wie davor.

Der Tod ist plötzlich so nah.
In seiner ganzen Radikalität.
In seiner Härte, in seinem Omega,
seinem Ende, wo doch das Alpha
oft noch so nah war, der Anfang des
Lebens, der Liebe, des Seins.

Der Tod den wir so gerne negieren und vergessen
machen weil wir ihn in dieser Form nur kennen
aus Ländern die so fern sind, weil
dort ein Krieg herrscht für den wir ja nichts können
wollen, weil wir nicht so radikal sind, wie die da,
die anderen. Einer von denen der TodesFahrer
ja sein sollte, ein Ausländer angeblich und plötzlich

werden die Rufe so laut, was man mit „solchen“ und vor
allem mit ihm doch machen soll bitte.

Auf den schier unerträglichen Schmerz folgt also die
Ohnmacht, etwas tun, noch etwas verändern zu können.
Weil doch nicht sein kann, was nicht sein darf.
Obwohl es ihn gibt, den Ausnahmezustand, in dem er, der
Fahrer sich angeblich befunden haben soll. Die Frage der Ursache
wird gestellt, lauter und verzweifelter. Da muss man
doch, da hätte man vielleicht etwas tun sollen. Vielleicht.

Plötzlich weinen Menschen um Menschen die sie
nicht einmal gekannt haben. Auch aus Angst, es hätte
ja uns alle treffen können. Mich auch. Diese Plätze sind auch meine
Plätze. Doch ich war im Seminar.

Plötzlich sind da so viele Gefühle.
So massive Gefühle, die aufgebrochen wurden und
sich gnadenlos Bahn brechen nun, weil sich die Tat so
gnadenlos Bahn gebrochen hat. Mitten hinein in unser Leben
welches glücklicher und gesünder war, als
wir gedacht hatten.

In einer Gesellschaft
in der es wichtiger ist, cool, also kalt zu sein,

anstatt

voller gelebter Gefühle zu sein, also vielleicht warm
zu sein, weil es das Gegenteil von Kälte ist. Einander zu
wärmen in diesen atemlosen, in diesen sprachlosen
Tagen und Stunden.

Weil Trauer jetzt Raum braucht, weil
Trauer jetzt ein Einander, ein Miteinander braucht.
Weil die Trauer so massiv ist, treibt sie bisweilen
Blüten die nicht jeder versteht.

Begegnen wir einander. Voller Verständnis,
voller Liebe, voller Wärme.

Trauer – vor dem Handeln kommt das Sein.
Trauer – muss man eben auch aushalten können.

„Weinen hilft“,
sagte Anneliese.
„Reden auch“,
antwortete ihre Freundin Birgit.

——-

Dieser Post entsteht einen Tag nach einem schrecklichen Unglück in Graz:
http://www.kleinezeitung.at/s/steiermark/graz/amokfahrt/index.do

Ja, anstatt zu schweigen und hin zu nehmen, zu trauern, gerate ich ins Handeln. Tippe, schreibe, weine. Weil es als Autor auch ein Stück mein Kanal ist. Und doch – angesichts des Todes und der Ereignisse versagt die Sprache. Jetzt kommt es aufs Gefühl an.

Vielleicht also ein Widerspruch. Aber gut, ich bin ein Mensch und ich kann nicht anders. Dies ist mein Weg…..