Es wurde laut um mich. Ich war gerade dabei zu notieren, was mich nervte.
Ja, ich saß bei McDonalds am Jakominiplatz in Graz. Im ersten Stock und ja, ich hatte dort auch gegessen.

Es wurde laut, etwa 12 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 16 Jahren fanden keinen Platz. Ich selbst saß an einem vierer Tisch links am Eck. Sie brauchten Platz und ich hatte welchen.

„Ist hier noch frei?“ – Komplett erstaunt sah ich ihn an. Die dunklen Augen strahlten mich fröhlich an. Klar war da noch genug Platz am Tisch, drei Sitze wurden von fünf bis sieben Jugendlichen belegt, die sich Stühle von anderen Tischen nahmen. Auch direkt mir gegenüber, sehr nah, die Tische sind ja klein. Prompt wurde der junge Mann neben mir laut: „Ey, hast du gefragt, ob du da sitzen darfst?“ fuhr er sehr bestimmend eine andere Jugendliche mit noch dunkleren Augen an. Sie war genauso erstaunt wie ich – beide brachten wir kein Wort raus. Ich erlaubte mir einen Spruch „..sie sitzt ja eh schon…“ und strahlte beide an, damit war dann alles klar.

Ich hatte mich voll ausgebreitet. Meine Jacke lag halb auf dem Platz meines neuen Nachbarn. Mir fiel es erst später auf, mein neuer Nachbar hatte prompt seinen Platz nur halb eingenommen, er hatte nicht einen Millimeter meine Jacke verschoben. Peinlich berührt über meine Nachlässigkeit nahm ich meine Jacke beiseite: „Hast eh genug Platz jetzt?“. Er strahlte mich nur erfreut an und saß dann ganz da.

Was dann abging um mich herum war einfach nur noch mehr berührend. Soviel Höflichkeit und Anstand hat wohl noch nicht gereicht. Es waren nur zwei Tabletts auf den Tisch gekommen. Mit recht wenig zu essen darauf. Es war keine Fress-Schlacht, weil „die ja Kohle ohne Ende haben“, wie ihnen ja oft und gern vorgeworfen wird, insbesondere, wenn ihre Hautfarbe womöglich nicht weiss ist. Es war deutlich zu wenig für so viele Menschen. Und ja, du ahnst es, sie haben alles geteilt. Sie hatten viel Spass dabei, sich das Essen gegenseitig weg zu nehmen und zuzuspielen. „Hast du gefragt?“ war schon wieder dieser höflichen Ansagen, wenn eine dem anderen seine Cola fast wegtrank.

Sie hatten wirklich ihren Spass miteinander, lachten viel und laut, aber nicht zu laut. Lachten rangelten, schubsten sich gegenseitig – aber nie auf Kosten anderer. Ich war sogar mittendrin, bekam aber nie etwas ab, wurde nie gestört, sondern nur derart angelacht, dass ich prompt mit lachen musste.

Sie lachten – aber immer mit einander und nie über einander.

Sie unterhielten sich auf Deutsch, teilweise ein wenig gebrochenes Deutsch, aber es war die Sprache die ihre unterschiedlichen Nationen verband, zumindest wenn man nach der Hautfarbe sah. Vermutlich waren sie ohnehin alle hier geboren.

Plötzlich wurde sie unruhig.
„Ich muss gehen.“ Trauriger Blick.
„Wieso?“
„Muss nach Hause, meine Mama macht sich sonst Sorgen…!“
„Ich auch….“

Einige lachten darüber, aber nur wenig, auch sie mussten bald heim. Und wieder: Sie hielten zusammen, sie gingen zusammen. So wie sie gekommen waren: Miteinander. So gingen sie: Miteinander.

Zurück gelassen haben sie kein Chaos, sondern nur plötzliche Stille.

Und STAUNEN. Was für Menschen. Wie fröhlich. Wie gut erzogen. Wie nett. Wie fürsorglich miteinander.

Dabei wird doch so viel geschimpft über sie. Laut seien sie, ungehalten, ruppig, ja asozial. Haben angeblich restlos viel Geld und keinen Anstand. Sind angeblich faul, haben keine Erziehung schon keine Eltern. Leben auf unsere Kosten und wollen sich nicht integrieren, heisst es. Die Liste kann ich noch fort setzen, aber dann muss ich kotzen. Weil mich diese Urteile EINFACH WÜTEND MACHEN. Weil diese Urteile den Jugendlichen jegliche Chance nehmen, sich zu zeigen, wie sie auch sein können.

Diese hier haben sich gezeigt und haben sich benommen, sie haben Spass gehabt, aber miteinander und nie auf Kosten anderer, sie haben sozial vorbildlich agiert und sich gegenseitig in der Spur gehalten, sie haben gezeigt, wie Nationen miteinander umgehen können. Sie haben gezeigt, wie es gehen kann, wenn man sie lässt und die Augen aufsperrt und hin sieht.

Sie waren miteinander und füreinander. Wie oft erlebe ich das Gegenteil in der Welt der Erwachsenen, die ja angeblich so vorbildlich sind und die dann böse urteilen über genau diese Jugendliche. Ja, Jugendliche können auch extrem anstrengend sein (wir angeblich Erwachsenen ja zum Glück nie..), aber waren wir das nicht alle auch? Und wie sagte schon mein Vater: „Es wäre traurig, wenn die Kraft der Jugend nicht die Welt auf den Kopf stellen wollen würde, dann würde ja nie etwas weiter gehen oder sich verändern…!“

Ich habe viele Jahre mit Jugendlichen gearbeitet. Viel erlebt und gesehen. Und für mein Leben von ihnen gelernt. Die die ich heute erlebt habe, selten war ich so fasziniert und berührt:

VOR EUCH ZIEHE ICH MEINEN HUT UND VERBEUGE MICH.