Wenn der letzte hohe Ton der Geige verklingt,
wenn also Astor Piazollas Tango zu Ende geht,
du tränenvernebelt dein leeres Glas erblickst, dann
wird dir klar, hier geht etwas zu Ende, was du
eigentlich nicht begreifen kannst.

Applaus brandet auf und wird zu stürmischem
Jubel, das Karklina Trio hat vollendet gespielt,
hat dich weggebeamt und hinaufbefördert in
Sphären aus Klang, aus Geschmack im Wein, aus
Phantasie und Genuss, aus Leichtigkeit und Schwung,
aus Berührung, aus tiefster Liebe, größter Trauer, breitester
Freude, kurz in so gut wie alle Bereiche menschlichen DaSeins,
und du kannst es nicht fassen:

Was denn, jetzt ist es zu Ende?

Kann zu Ende gehen, was Liebe ist, darf überhaupt zu Ende
gehen, was Leben ist?

Immer noch klingt er nach, dieser eine so unendlich
zärtliche Ton aus Yevgenys Geige die wie er nicht
von dieser Welt scheint. Noch immer ist er da dieser
Ton der dich mit dir selbst verbindet und an deine
innersten Emotionen rührt und will nicht weg gehen.

Du schaust auch nach der zweiten, heimlichen Zugabe nur
fürs Team, wieder Piazolla, wieder diese Musik die zu diesem Ton,
dieser Tönung, dieser Stimmung führt, zu deiner Nachbarin und
möchtest dich mitteilen und siehst in ihr Gesicht und sie kann
ebenso wenig wie du begreifen, was gerade abging.
Worte scheinen jetzt nur zu stören.

Erst langsam wir dir bewusst, da waren noch all diese anderen
Momente puren Lebens, Maijas kraftvolles, und berührendes
Klavier, Lanas Liebe und irrsinnige Spielfreude am Cello.
Zusammen sind sie ein Trio nicht von dieser Welt, so jung noch,
so verführerisch, sie nehmen dich mit in ihre musikalische
Welt, ob du willst oder nicht.

Und wer hat’s erfunden? Wenn er am Ende meint, er habe
geschwindelt, es sei eben doch eine kulturelle Veranstaltung,
dann schwindelt er schon wieder. Es ist so viel mehr. Er hat
etwas in diese Welt gebracht, was weit mehr ist als Wein und
Musik zugleich, soviel mehr als Leben, vielleicht, weil man es nicht
erklären kann was einen so sehr mit sich selbst in Berührung bringt,
vielleicht ist es ganz einfach die Essenz allen Seins:

Vielleicht ist es schlicht Liebe pur.

Er hat uns also vielleicht einen neuen Weg zur Liebe erfunden,
einen Weg zu solchen so unvergesslichen Momenten:
Chia Chou.

Vielleicht kann ein weiteres Glas Wein den drohenden Absturz in
die Realität verhindern? Ich will bleiben in dieser Welt aus Klang
und Geschmack, Verführung und Führung, will noch nicht helles Licht
in der Halle. Also schnell zu René Kollegger, der als Sommelier die Weine
zur Musik ausgesucht hat. Womit wir wieder bei der LIEBE wären, denn
auf die Frage, wie er Sommelier wurde, glänzen seine Augen und er
verrät: „Ich habe mich mit 17 unhaltbar in die Welt der Weine verliebt!“
Das merkt man.

So wie ich merken muss, dass es wohl doch zu Ende geht für diesen Abend.
So wie ich inniglich berührt und fassungslos bin,
weil ich ein Teil von vocedivino Weinkonzerte sein darf.
Nicht nur weil ich dabei war und entführt wurde, nicht nur weil wir so
viele waren und sogar zwei meiner liebsten Freunde aus Hamburg dabei
waren (Danke Isa und Stefan), sondern weil ich einer der Mitbegründer bin
von vocedivino. Ich darf dabei sein, mit gestalten und mitwirken. Vor diesem
Glück verneige ich mich demütig und dankbar.

+++++++

Ist das jetzt eine geschickt plazierte, verstecke und infame Werbung
für mein eigenes Projekt? Nein. Verzeih, vocedivino ist viel größer
als wir einzelnen Mitwirkenden. Es ist nicht einfach (m)ein Projekt.
Dass, was mir selbst nach etwa 10 Weinkonzerten klar wurde ist,
dass es hier um LIEBE geht. Und um DANKbarkeit.
So wie in etwa 98% meiner anderen Nicht-Gedichte, Gedanken und Texte dieses Blogs.

(Sämtliche Bilder: G.Rittstieg)

Graz im Februar 2016: Weinkonzert vocedivino im Mumuth, mit dem Karklina Trio und Rene Kolleger.

Graz im Februar 2016: Weinkonzert vocedivino im Mumuth, mit dem Karklina Trio und Rene Kolleger.

Graz im Februar 2016: Weinkonzert vocedivino im Mumuth, mit dem Karklina Trio und Rene Kolleger.