gestern haben wir uns wieder gesehen
nach jahren die erste echte begegnung
nach dem tod unserer ehe, nach den vielleicht
schwersten zeiten meines lebens

wir haben immer mal gemailt
und uns einmal kurz gesehen
aber es war immer schmerzhaft
weil ich sah, es geht dir nicht gut

und es ging mir nicht gut weil
ich verantwortlich war, auch für
deinen schmerz und meinen, schmerzen
gespiegelt im anderen

ausgehalten in einem selbst
durchlitten und erwacht
vom tod ins leben

wir hatten eine liebes-scheidung
unserer liebe liessen wir trennen
damit wir wieder leben konnten
der tod unserer liebe als paar
wurde zur geburt unserer liebe für uns selbst

sehnsucht
erinnerung
schmerz und
ach-hätte-ich-doch-anders-getan und
hoffentlich-gehts-dir-bald-wieder-gut und
ich-übernehme-die-volle-schuld-an-uns

wurden meine begleiter in meinen frieden
wurden meine prüfsteine, ob und wie sehr ich dich
wirklich liebe – weil es ja heisst,
dass wahre liebe wirklich loslässt

wurden die prüfsteine wie sehr ich
mir selbst vergeben kann, denn dir vergeben
musste ich ja nicht, dich sah ich nur mit liebenden augen
aber in mir fand ich den bösen, den schuldigen

hatte ich also auch liebende augen für mich?
würde ich mir vergeben können, dass ich den
menschen, den ich vorgab zu lieben, zerstört hatte?
ist vergebung möglich wenn am ende ein riesiges loch
wartet, die leere die entsteht, wenn du nicht mehr da bist?

es war ein harter weg für mich. bitter.
begleitet von lieben menschen ging ich ihn und
die zeit, die alte illusion, heilte zwar nicht alle
wunden, weil illusionen eben nichts wirkliches tun können
ausser zu verwässern was wirklich ist,

aber die zeit half mir, sie war wichtig weil ich
dank dir schritt um schritt auf mich selbst
zuging, mich entdeckte und erlebte und erfühlte,
du warst ja nicht mehr da und ich bin doch gross genug,
auch eine riesige lücke füllen zu können

und so wurde ‚vom tod ins leben‘ zur metapher
dessen was ich durch dich lernte.
so wie ich dir, so du mir.
beide retteten wir uns gegenseitig das leben.
beide brachten wir uns die liebe – für uns selbst.

immer wieder bis zum finale, bis zum
so irrsinnig schmerzhaften finale – unserer geburt.
wir schieden uns – vom leben zuvor, vom wachstum
aneinander und in einander und miteinander.
so wurde aus dem wort scheidung das ereignis geburt.

so wurde aus dem weg in den tod
unser weg in unser leben
anders, neu und aufregend.
der tod als geburt.

und so wurde aus unserer begegnung gestern
unser abschied.

es war als bliebe die zeit stehen für einige
wenige gemeinsame stunden.
aus dem ewigen hoffen, zittern und schuld war
ein unsagbar schöner und stiller frieden geworden
ein angekommen-sein, ein da-sein
beide in ihrer eigen-art, beide angekommen in sich.

beide durften wir sein in
unserer so herausfordernden unterschiedlichkeit

da war nichts mehr ausser der einen so freien und
so echten liebe – dieser liebe die los-lassen kann
die die frei macht, dich und mich
weil es kein wollen, kein hoffen mehr gibt.
nur noch das so befreiende wissen – es geht dir gut.

nach einer letzten umarmung sah
ich dir nach, du gingst strahlend deines weges
und anders als früher drehtest du dich nicht mehr um,
weil die vergangenheit im frieden ist und es nur mehr
den blick nach vorne gibt – den ins leben.


Wenn jemand für immer aus deinem Leben geht, spürst du das. Und wenn du sie oder ihn so gehen lassen kannst, und dabei in der Liebe bleiben kannst, dann spürst du das auch. Und gestern war es so weit, ich konnte sie ganz gehen lassen. Es war, als ginge die Last der Verantwortung mit weg, es war alles plötzlich so voller Vertrauen, so voller Liebe und einer schier unendlichen Dankbarkeit, diesen so harten, so schönen, so magischen Weg gemeinsam gegangen sein zu dürfen. ‚Vom Tod ins Leben‘ ist vielleicht wirklich die treffendste Metapher für das was geschehen dufte.

Auch das ist Mensch-Sein: Ich habe viel zu lange Verantwortung in mir getragen, viel zu lange um ihr Heil-Sein gehofft. Das war sicher unklug. Aber ich bin einfach nur ein Mensch und diese Seite gehört dazu. Auch dies darf und durfte ich lernen.

Jetzt bin ich frei.
Vielleicht das erste Mal in meinem Leben.

Frei sein, was auch immer das bedeutet.
Aber es fühlt sich so unendlich schön an.

So zauberhaft und fast un-glaublich.

Vielleicht auch, weil es kein frei-sein auf Kosten anderer ist,

sondern ein frei sein, auch weil es ihr gut geht.
Weil ich sehen durfte, mit was ich mich belastet habe, ohne dass sie es je wollte. Weil ich mich selbst belastet habe.

Und das keine Liebe zu mir selbst ist.

Und so ist es vielleicht auch ein frei-sein im Sinne von:
Ich bin so frei – ich liebe mich.